“Du bist aber flink!”
Sofort weiß sie, worauf ihr Vater hinaus möchte.
“900ml Eiscreme…” Er kommt aus der Küche, schnell schließt sie diverse Internetfenster, packt ihr Handy und geht wortlos in ihr Zimmer.
Ihr Vater hinterher.
Er bleibt im Türrahmen stehen, sieht den Rücken seiner Tochter, welche mit gebeugtem Kopf auf ihre Finger starrt, die verwirrt auf dem Handy rumtippen, als seien sie beschäftigt.
“Warum redest du nicht mit mir?”
“Was soll ich schon sagen?”
In ihrem Zimmer ist es still, in ihrem Kopf schreien ihre Gedanken, die Tränen klopfen an der Pforte.
Dann fragt ihr Vater, während er sich im Zimmer umsieht: “…seit wann hast du eine Waage?”
“Seit zwei Monaten”, sagt ihr Gewichtstagebuch,
“Seit ‘ner Weile”, sagt sie.
Einige Momente ist es wieder still, dann geht ihr Vater aus dem Zimmer und schließt zum ersten Mal die Tür hinter sich.
“Ahnt er etwas?”, fragt sie sich. Vielleicht hat er ihr Essenstagebuch gefunden? Oder schlimmeres?
Vielleicht ist ihm das selber aber auch scheißegal. Seine Tochter isst wie ein Schwein, das ist keine Essstörung, das ist Völlerei. Seine Tochter hat keine Kontrolle, keine Disziplin. Und überhaupt ist sie zu dick und isst zu viel um eine Essstörung zu haben. Denn sowas haben nur dünne, dürre Mädchen. Essstörungen sind ja sowieso nur Magersucht und Bulimie, Ana und Mia, hungern und fressen und brechen. Und brechen hat der Vater seine Tochter auch noch nie gehört und sie isst auch (viel), eben alleine diese 900ml Eiscreme (und 8 Kekse und 2 Haselnussschnitten und 13 Pelmeni und 1 Hähnchenschnitzelbrötchen mit einem Klecks Remoulade)! Nie und nimmer hat seine kleine, dicke, undisziplinierte Tochter eine Essstörung. Hirnrissiger Unfug.
Und während sie daran denkt, jetzt zum ersten Mal ihren Finger erfolgreich ich den Hals zu stecken, weil es so verführerisch ist, weint sie. Erstickt ihre Tränen im Kissen, damit es ihr Vater nicht hört.
Eben noch bebte und hüpfte ihr erquicktes Herz bei der Vorstellung, wie es mit ihrem Herzensmenschen weitergehen sollte, jetzt fällt ihr wieder ihr eigenes Versprechen ein. Erst wenn du 9,5kg abgenommen hast, niemand möchte ein dickes Mädchen an seiner Seite. Ein Mädchen, dessen Beine dicker als die eigenen sind. Ein Mädchen, welches mehr wiegt als man selbst.
Und dann denkt sie wieder daran, wie ihr Schwesterherz vor kurzem sagte, dass ihre kleine Schwester Ewigkeiten bräuchte, um annähernd magersüchtig zu werden und dabei höhnisch lachte.
Während weitere Szenarien ihres bisherigen Lebens, in welchem ihr nie beigebracht wurde ihren eigenen Körper zu lieben, gar zu akzeptieren, ihr stets immer nur Selbsthass gelehrt wurde, auf sie einprasseln, die sie letztlich in diese Misere getrieben haben, zieht sie sich ihre Sportschuhe an und beschließt nichts mehr zu essen.
Ich werde noch dünn werden.
Versprochen, Schwester. Versprochen, Papa. Versprochen Person A.
Versprochen, Körper.








